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Zwischen Fels und Wahnsinn.

Im Norden der Iberischen Halbinsel versteckt sich ein geheimnisvolles Gebirge. Umgeben von Wildnis, bewohnt von Raubvögeln, Bären und Wölfen. An seinen Hängen kleben winzige Dörfer, verbunden durch rauhe Pisten.

Seefahrer tauften das Gebirge Picos de Europa. Wenn ihre Schiffe im Mittelalter von den Fahrten über den Atlantik in die alte Welt zurückkehrten, waren die oft schneebedeckten Gipfel das erste Land, was die Späher am Horizont erblickten. Über 2600 Meter hoch ragen die Felskathedralen der kantabrischen Kordillere über dem Ozean auf. Zerklüfteter Kalkstein, von steter Erosion zu bizarren Nadeln modelliert.

Nahezu auf Meereshähe tosen Flüsse durch das Massiv und sägten in Jahrtausenden tiefe Breschen in den Fels. Im eiskalten Wasser des Flusses ziehen noch Lachse regelmäßig zu ihren Laichgründen. Und der benachbarte Rio Cares grub sogar eine der gewaltigsten Schluchten Europas. Über 1000 Meter hoch bohren sich die Wände der Garganta dei Cares senkrecht in den Himmel. Vertikaler Wahnsinn!

Unser Tatendrang ist enorm, denn die Regel ist ein blauer Himmel im Norden Spaniens nicht. Schon der Name Costa Verde „Grüne Küste" macht deutlich, dass hier Wasser in jeder Form zum Naturschauspiel gehört. Oft verhüllen sich die Gipfel im Nebel, als wollten sie nicht zu viel preis geben, von ihrer rauhen Anmut.

Längst ist unser Motor auf der groben Schotterpiste in Richtung Abenteuer warmgelaufen. Schon nach wenigen Kilometern machen sich die breiten Reifen und großzügigen Federwege der Fullys voll bezahlt. Denn leicht machen es die wilden Pisten der Picos niemandem. Von Kühen zertrampelt, vom Regen ausgespült, mit losem Gestein Übersät. Oft versumpfen vielversprechende Routen an verwaisten Almen oder verlieren sich gar komplett im Geröll.

Wegweiser? Gibt es nicht. Allenfalls erinnert ab und zu ein Farbklecks am Fels oder ein wackeliges Steinmännchen am Wegesrand daran, dass hier schon einmal Menschen entlang kamen. Und verlassen sollte man sich darauf besser nicht. Wer ohne Karte und Kompass loszieht riskiert in der Wildnis Kopf und Kragen. Aber genau das haben Klaus und ich gesucht.

Zugegeben, ein bisschen deplaziert wirken unsere Hightech-Boliden schon in dieser Lowtech-Umgebung. Denn irgendwann vor fünzig Jahren scheint die Zeit in den Käffern am Berghang stehen geblieben zu sein. Es mieft nach Stall, Hühner flattern aufgeregt aus dem Weg, und mehr als einmal verfolgen uns kläffende Köter und argwöhnische Blicke.

Unser Ziel ist Tresviso, eine Bergsiedlung, die wie der Horst eines Greifvogels am Fels klebt. Auch hier war die Verbindung zur Außenwelt bis vor einigen Jahren nur ein wüster Karrenweg, den waghalsige Baumeister in die Felswände der Hermida-Schlucht trieben.

Über 800 Höhenmeter balanciert die Trasse an Abgründen entlang, die selbst abgebrühten Downhillern das Blut in den Adern gefrieren lassen dürften. Mit Erz beladene Ochsengespanne sollen hier einst von den heute verlassenen Zinkminen im Andara Massiv nach unten gerumpelt sein. Mut oder Schwachsinn?

Das fragen auch wir uns, als wir das löchrige Asphaltband verlassen, über das Tresviso heute auch von Westen her erreichbar ist. Steil fällt der Weg durch das seltsam verlassen wirkende Dorf, bevor er sich bei den letzten Häusern entgültig in einen ausgewaschenen Saumpfad verwandelt. Die Wände der Sierra Cocon rücken bedrohlich nahe und mit gemischten Gefühlen holpern wir durch die ersten Serpentinen, dem scheinbar bodenlosen Nichts entgegen. Dann geht der Weg abrupt in die Falllinie. Der aus der Ferne fahrbar wirkende Schotterbelag entpuppt sich beim Näherkommen als Geröllteppich der
fiesesten Sorte. Das erbarmungslose Stakkato der Schläge lähmt die Arme binnen Minuten, lässt den Blick verschwimmen. Ein Höllentrip für Mensch und Maschine.

Es ist, als hätte der Teufel persönlich melonengroße, steinerne Billardkugeln ausgestreut, um das Vorderrad aus der Spur zu drängen. Am Balcon de Pilatos schließlich scheint es keinen Fluchtweg mehr aus der Steinwüste zu geben. Zwischen Genie und Wahnsinn taumelt der Pfad über einen schmalen Grat, bevor er um eine Felszinne verschwindet.

Endstation? Aus allen Richtungen gähnen Abgründe herauf. Wir haben längst aufgehört, über
unser Tun nachzudenken. Auch nur ein einziger Steuerimpuls in die falsche Richtung und „Hasta la vista, Baby".

Ochsenkarren? Hier herauf? Undenkbar. Aber wie durch ein Wunder findet der Weg einen neuen Durchschlupf im Felslabyrinth. Mal links, mal rechts herum windet er sich unbeirrbar in die Tiefe. Schon schwillt aus der Schlucht das Rauschen des Rio Urdon herauf, dessen hartnäckige Wassergewalt dieses Tor zur Hölle schürfte.

Noch wenige genussreiche Meter, und die Ruta de Tresviso spuckt uns auf die Hauptstraße.

Matthias Rotter / BIKE Magazin (gekürzt)


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