Mein erstes Rennen im Münchner Olympiapark war nicht
der Hit - als frischgebackener Senior (also doch
wieder Greenhorn) zeigten mir die lieben Mitstreiter
kurz ihr Hinterrad und ich wußte, daß ich mein Heil
sicherlich nicht (mehr) in der Kurzstrecke suchen
mußte. Jetzt stehe ich hier, in Mitten von knapp
40 Einzelfahrern, knapp fünf Meter vor den
Teamstartern, quasi auf dem Präsentierteller. Gleich
fällt der Startschuß und mein zweites Rennen im
Olympiapark wird Realität. Diesmal nicht
Kurzstrecke, sondern eher das komplette Gegenteil -
24 Stunden als Einzelstarter und natürlich mit nur
einem Gang, also 1 x 1 x 1.
13:00 - 17:00
Die ersten Stunden sind schnell erzählt - das Rennen
fährt sich wie ein Marathon. Mit jeder Runde kommt
aber mehr und mehr die Gewißheit, daß die scheinbar
leichte Strecke es in sich haben wird. Das grobe
Kopfsteinpflaster macht schon zu Beginn jedem
Wurzeltrail erfolgreich Konkurrenz, der "eckige"
Kurs macht es schwer seinen und zwangsläufig auch
meinen Rythmus zu finden. Jede Stunde gibts eine
Flasche Wasser und ein Gel - noch gehen die Sachen
gut runter und ich fühle mich richtig gut, so gut,
daß ich schon mal mit den Rechenspielen anfange:
"Jetzt habe ich schon 1/12 geschafft...!"
17:00 - 21:00
Diese Zeit ist quasi "nicht Fisch, nicht Fleisch" -
man hat die Nacht vor sich und einen Marathon hinter
sich. Ich kurbel nur noch meine Runden und mache mir
Gedanken, wie wohl die Fahrt im Dunkel sein wird.
Ansonsten schleicht sich ein Ritual ein: Alle 5
Runden gibt es eine frische Flasche, ein Gel und ein
Stück Obst - an irgendwas muß man sich ja fest
halten.
21:00 - 01:00
Ab jetzt herrscht Lichtzwang. Der Olympiapark sieht
aus wie ein bewegliches Lampion-Fest. Da ich
mittlerweile jeden Grashalm mit Vornamen kenne, gibt
es hier keine Probleme - außerdem gilt ja "München
leuchtet" - will sagen, irgendwas leuchtet immer...!
Zu diesem Zeitpunkt leuchtet der Stern des bis dahin
Führende Tinka J. (USA) nicht mehr, ein kapitaler
Sturz hat dem Favoriten das Umsetzen der besagten
Rolle gekostet. Das Rennen werden jetzt zwei
Österreicher machen.
01:00 - 05:00
Wo bitte gehts zur Kreuzigung. Das Rennen zeigt das
erste Mal Zähne. Nicht die Strecke macht es schwer,
sondern der Kopf. Ständig schwankend zwischen dem
Wunsch nach Schlaf und dem Wissen, daß das mein Ende
wäre (oder mir zumindest 5 Stunden rauben würde). Ab
03:00 habe ich meinen toten Punkt überwunden und mit
der aufkommenden Dämmerung weiß ich, daß ich das
Gröbste geschafft habe. Als Belohnung für meine
Nachtschicht soll es eine lange Pause geben, das
motiviert. Ich habe Heißhunger auf ein Käsebrötchen,
doch irgendwie scheint der Käse verlorengegangen zu
sein. Hätte nie gedacht, dass so etwas mal einer
Katastrophe gleich kommen könnte.
05:00 - 09:00
Die Pause hat wirklich lange gedauert. Erst kurz vor
6:00 bin ich wieder auf der Strecke - der Sonne
entgegen. Man mag es glauben oder nicht, der Anblick
der Sonne und die kühle Morgenluft setzen ganz schön
Kräfte frei. Diese werden aber durch die
mittlerweile "spiegelglatten" Wiesenpassagen
entscheidend gedämpft. Bislang aber weder Sturz,
noch Panne, nur mit dem Essen klappt es nicht
richtig.
09:00 - 11:00
Erster Teil des Endspurts. Jede Runde tut jetzt
einfach nur noch weh - wie alle anderen Fahrer habe
ich mittlerweile "Hass-Passagen" gewählt. Nur dass
diese Passage bei mir die lange Flachpassage in der
Mitte ist (bei den anderen dürften es die kurzen,
aber giftigen Steigungen sein). In diesen Passagen
kann ich nicht aus dem Sattel gehen, mein Hintern
gibt mir seine Unzufriedenheit mehr als deutlich zu
verstehen. Am Berg, also im Wiegetritt läuft alles
noch immer so, wie ich es mir vorstelle, auch wenn
ich pulsmäßig nicht mehr über 140 komme....
Irgendwann hat der Sprecher wohl durchgesagt, daß
die 432 mit nur einem Gang fährt - ab dem Zeitpunkt
gibt es jede Menge Applaus (und viele mittleidige
Blicke) - ist schon schön!
11:00 - 13:02
Ich habe es geschafft - zumindest fast. Jede Runde
wird jetzt schneller, gleichzeitig sehne ich nur
noch das Ziel herbei. Jeder Stein, jede Kante im
Asphalt schmerzt, doch die ständig ablaufende Zeit
hilft. Durch den schnellen Wechsel der
Teammannschaften kommt wieder richtig
Geschwindigkeit ins Feld. Bei jedem überholten
Fahrer schaue ich nur noch auf die Farbe der
Startnummer - blau, das sind die Leute, mit denen
ich gestern mit 5 Metern Vorsprung vor den anderen
gestartet bin.
Die erlösende Glocke, das Kennzeichen der letzten
Runde erklingt, gut 12 Minuten später bin ich im
Ziel. Die ganze Belastung fällt ab, ich bin
zufrieden und tauche ein in die Menge, mit der ich
mir für 24 Stunden den Olympiapark geteilt habe.
14:00
Als "Rider of the Event" werde ich als einziger
SingleSpeeder auf die Bühne geholt. Auf die Frage,
wie ich mich fühle fällt mir nichts anderes ein
außer: "Gut, es war hart, aber ich glaube, es war
für alle Einzelfahrer hart." Mann, was hätte ich
hier alles tolles sagen können...!
Das Letzte:
Ob ich es nochmal machen würde?!
Klar, ich würde es fast so wiederholen
wollen, aber entweder mit weniger Pausen oder im
Zweier-Team - egal wie, das war nicht das letzte
Mal.
Fotos: F. Peltz Text: T. Wilkens |